
"Wenn Engel reisen, dann suchen sie sich einen außergewöhnlichen Ort voller Harmonie, Glücksmomenten und besonderen Wohlfühl-Erlebnissen."
Das Vogelgezwitscher meines Weckers holt mich sanft aber mit Nachdruck aus dem Land der Träume. Es ist 3.30 Uhr, die Nacht war sehr kurz. Doch nach einem kurzem Moment des zu mir Kommens bin ich hellwach und steige energisch aus dem Bett. Ich bin über das Wochenende bei meinem Jagdfreund Franz zur Hirschjagd im Tannheimer Tal eingeladen. Hecktisch nippe ich an dem noch zu heißen Kaffee und versuche gleichzeitig in die am Abend zuvor bereitgelegte Lederhose zu kommen. Um 6 Uhr muss ich an der Jagdhütte in Grän sein. Dort erwartet mich der Berufsjäger Peter. Um die 220 km von meinem Wohnort bis Grän in 2 Stunden mit dem Defender zu schaffen, muss ich gewaltig Gas geben. Die Autobahn ist in diesen morgendlichen Stunden frei und ich komme zügig voran. Mit jedem Kilometer den ich meinem Ziel näher komme wächst die Aufregung und steigt die Vorfreude.
Die Gedanken an die Erfahrungen aus der vergangenen Brunft schießen mir wieder in den Kopf und sofort überfällt mich dieses unangenehme Gefühl, wenn man an einem schon sicher geglaubtem Stück Wild aus völlig unerklärlichen Gründen vorbei schießt. Es war das selbe Revier. Ich durfte am Hauptbrunftplatz, Am Lumbergschlag, auf einen 3er Hirsch jagen. Die Brunft war im vollen Gange und es kamen mehrere Hirsche in Anblick. Nach sehr spannenden 30 Minuten wurde Peter plötzlich ganz nervös und gab mir nachhaltig zu verstehen: „Der passt, den kannst`schüißen!“ Von mir unbemerkt schlich sich am oberen Rand des Brunftplatzes ein Abschusshirsch herum. Ein Eissprossenzehner mit abgebrochenem Mittelend. Der Entfernungsmesser zeigte 260 m an. Für die Tiroler Jäger gilt solch eine Distanz als völlig normal. Doch als „Schwabenjäger“, der die meisten Rehe und Wildschweine auf unter 100 m erlegt hat, wurde dieser Hirsch doch ziemlich klein, als ich durch das Zeiss 2,5-10x50 schaute. Kurz um, der Schuss brach, der Hirsch zog mehr oder weniger unbeeindruckt in den nahen Einstand und Peter, der das Ganze mit dem Spektiv beobachtete, gab mir sofort zu verstehen, dass ich den Hirsch überschossen hatte.
An der Jagdhütte angekommen, es war 10 Minuten vor 6 Uhr, lagen auf ca. 1500 m Höhe 30 cm Neuschnee. Es ist dermaßen beeindruckend, wenn man in diesem Panorama den König des Waldes bejagen darf. Die aufflackernden Autoscheinwerfer unterhalb der Hütte kündigen das Eintreffen von Peter an. Die Begrüßung fällt wie immer sehr herzlich aus. Schnell sind die benötigten Sachen gepackt und schon sitzen wir in dem Suzuki Vitara, dem Revierfahrzeug. Peter erklärt mir, dass er am Abend zuvor am Alpsitz einen ungeraden Zwölfender gesehen hat. Wenn dieser Hirsch vom 4. Kopf ist und die Enden nicht zu lang sind wäre das der bestmögliche 3er Hirsch, den man schießen kann. Diese Neuigkeiten erfreuen mich natürlich sehr und lassen mein Herz noch etwas schneller schlagen.
Der 20 Minuten dauernde Aufstieg lässt mich zum Einen ins Schwitzen kommen, zum Anderen verfliegt die Nervosität nahezu vollständig. Am Sitz angekommen können wir zugleich Rotwild im felsigen Untergrund des Gegenhangs umherwechseln hören. Konturen von Bäumen sind schon zu erkennen. Es wird nicht mehr lange dauern bis das erste Büchsenlicht den Kessel ausleuchtet. Verkrampft habe ich das Fernglas an die Augen gedrückt und versuche verzweifelt in der Richtung, aus der die Geräusche kamen, etwas zu entdecken. Aber es tut sich vorerst einmal nichts. Mit zunehmendem Licht können wir die freie Fläche vor uns einsehen. Aber außer einem Fuchs kommt über eine Stunde kein Wild in Anblick. Mittlerweile ist es taghell; aber bei uns ist es totenstill. Natürlich überlege ich mir was wir falsch gemacht haben könnten. War ich zu laut beim Angehen oder hat der Wind unbemerkt gedreht.
Auch an der nachlassenden Anspannung bei Peter merke ich, dass ich mir für diesen Morgen keine große Hoffnung mehr machen brauche. Und dann passiert das was schon so oft vorgekommen ist. Wie aus dem Nichts schiebt sich mitten in der Fläche ein großer braun-roter Wildkörper hinter einer kleinen Fichte hervor. Ich kann sofort erkennen, dass es sich zumindest um einen einseitigen Kronenhirsch handelt und nehme direkt den R93 in Anschlag. Im Augenwinkel sehe ich den verdutzen Blick von Peter. Er hat den Hirsch noch nicht bemerkt und ist wohl etwas erstaunt über meine hektischen Zielübungen. Darauf aufmerksam gemacht fängt er postwendend an den Hirsch mit dem Spektiv genau unter die Lupe zu nehmen. In Tirol müssen alle Trophäen zu einer unabhängigen Bewertung abgegeben werden. Dort werden grüne und rote Punkte verteilt. Bei Fehlabschüssen, also roten Punkten, werden dann Sanktionen für das zutreffende Jagdrevier verhängt. In der Regel werden speziell beim Rotwild Abschüsse von Hirschen gestrichen. Deshalb nehmen sich die Berufsjäger beim Ansprechen der Trophäenträger sehr viel Zeit.
Der Punkt von meinem Zielfernrohr steht ruhig auf dem Blatt von dem Hirsch. Doch mein Jagdführer macht keinerlei Anstalten mir den Hirsch frei zu geben. Im Gegenteil, ich höre ihn ständig vor sich hinbrummeln: "Mmmmh, das rechte Mittelend` ist zu lang!" Die Anspannung in mir fällt abrupt ab. Enttäuscht und mit hängendem Kopf stelle ich das Gewehr neben mich und schaue wohl ziemlich trotzig in Richtung des nunmehr seit 5 Minuten am selben Platz ruhig stehenden Hirsches. Natürlich ist mein Kopf voll mit zweifelnden Gedanken. Warum kann dieses Mittelend nicht kürzer sein? Warum sind 2 Zentimeter kürzer oder länger für die Trophäenbewertung entscheidend? Doch plötzlich höre ich Peter sagen: "Also gut, den kannst Du schießen…aber nicht wieder vorbei!" Dieser Satz lässt in mir natürlich das Blut in den Adern kochen. Ich nehme hektisch die Blaser R93 in Anschlag und setze den Leuchtpunkt auf das Blatt vom Hirsch. Anders als in den minutenlangen Zielübungen zuvor habe ich große Mühe den Punkt im Wildkörper zu halten. Während dessen hat Peter die Entfernung mit 216 Meter gemessen. Das muss passen. Die extra für die Berg- und Auslandsjagd gekaufte .300 WSM darf bei dieser Distanz keine Schwierigkeiten haben. „Benny, reiß dich zusammen….. konzentrier dich….langsam durchziehen“ rede ich mir selber zu. Der Zielpunkt steht auf dem Blatt; ich atme noch einmal flach ein und raus ist der Schuss.
Der Hirsch zeichnet mit einem gehörigen Satz nach oben um dann in einer tiefen Flucht in der angrenzenden Fichtendickung zu verschwinden. Der fragende Blick meinerseits zu Peter wurde mit einem herzhaften Grinsen und dem Satz: "der isch hi" beantwortet. Der ganze Druck und die Anspannung fallen in Form von einem in diesem Ausmaße noch nie da gewesenen Jagdfieber von mir ab.


Der obligatorische Schluck aus dem Flachmann fällt zu dieser frühen Tageszeit eher ungewöhnlich, sehr üppig aus. Aber der Williams hilft und bringt meine Gefühlswelt wieder halbwegs in die richtigen Bahnen. Natürlich möchte ich nun unbedingt meine Beute… meinen Hirsch… meinem ersten Hirsch in Besitz nehmen. Auch hier behält Peter souverän die Ruhe und verweist mich auf die so wichtige Ruhe nach dem Schuss. Nach einer mir fast unendlich vorkommenden Wartezeit von 10 Minuten kann ich dann der deutlich im Schnee zu erkennenden Schweißfährte nachlaufen. Ohne Zweifel handelt es sich um Lungenschweiß und es kann nur noch eine Frage von wenigen Metern sein bis ich an meinem ersten Hirsch stehe.
Die Wundfährte führt in eine kleine Steilwand. Wir können sehr schell erkennen, dass der Hirsch ungefähr in deren Mitte, an einem Baumstamm hängend, liegen geblieben ist. Der Stolz und die Zufriedenheit aber auch eine große Ehrfurcht vor dieser majestetischen Kreatur sind die Gefühle, die mich gleichzeitig überfallen und mich unglaublich beeindrucken. Peter macht sich nach den erneuten Glückwünschen auf zum Auto um Bergehilfsmittel zu holen. Ich nutze diese Zeit um zum aller ersten Mal in meinem Leben bewusst an einem erlegten Stück eine Totenwache ab zu halten. Die Gedanken schweifen von Dankbarkeit an fremde Mächte über Zufriedenheit der eigenen Fertigkeiten bis hin zu der Hubertusgeschichte. Das anschließende Bergen und Versorgen des Wildes ist wie immer in den Bergen sehr anstrengend aber geht heute doch um einiges leichter als zum Beispiel bei einem Stück Kahlwild.
Am Abend haben wir natürlich dieses Erlebnis gebührend gefeiert. Ich werde immer sehr stolz und voller Zufriedenheit an dieses Ereignis zurückdenken. Es gehört mit zu den prägenden Vorkommnissen in meinem bisherigen Leben. Auch wenn die Trophäe nicht die stärkste in meinem Jagdzimmer bleiben wird, so werde ich Ihr doch immer einen Ehrenplatz reservieren. In diesem Zuge möchte ich auch nochmals herzlich meinem Jagdfreund Franz Dankeschön sagen. Ich hoffe, dass wir noch lange zusammen auf alle Wildarten dieser Welt jagen werden.
Benny Barth, Walkersbach, im Februar 2010